Die Psychologie der Massen

Gustave Le Bon

★★★☆☆


Ich hatte schon viel von diesem Buch gehört und war daher schon sehr gespannt auf seine prestigeträchtigen Inhalte. Und obwohl das Buch einige wirklich wichtige Schlüsselerkenntnisse darstellt und gute Grundsätze anschaulich erklärt, hat es mich doch ein wenig enttäuscht.


Le Bon führt aus, warum die Masse sich nie von logischen Argumenten, sondern nur von Gefühlen leiten lässt und sehr beeinflussbar ist, sowie leicht zu Handlungen zu verleiten ist, die den einzelnen Individuen widerstreben würden oder sich diese nicht trauen würden:

"[...] [d]er einzelne in der Masse [erlangt] schon durch die Tatsache der Menge ein Gefühl unüberwindlicher Macht [...], welches ihm gestattet, Trieben zu frönen, die er für sich allein notwendig gezügelt hätte. Er wird ihnen um so eher nachgeben, als durch die Namenslosigkeit, und demnach auch Unverantwortlichkeit der Masse das Verantwortungsgefühl, das die einzelnen stets zurückhält, völlig verschwindet."

Er erklärt auch, dass, wenn die Massen geschickt beeinflusst werden, sie heldenhaft und opferwillig sein können und zwar in einem noch viel höherem Maße als der einzelne (vgl. S. 54). Sehr spannend finde ich auch folgende Aussage:

"Die Massen erkennen die Macht an und werden durch Güte, die sie leicht für eine Art Schwäche halten, nur mäßig beeinflusst. Niemals galten ihre Sympathien den gütigen Herren, sondern den Tyrannen, von denen sie kraftvoll beherrscht wurden. Ihnen haben sie stets die größten Denkmäler errichtet."

Bei den Begründungen seiner Behauptungen beruft sich Le Bon oft auf Geschehnisse der französischen Revolution.

Angebracht und gut erklärt finde ich auch seine Kritik am gängigen Bildungssystem, der unentgeltlichen Pflichtschule: er zeigt auf, wie die Kriminalität durch dieses gestiegen ist und warum es schlecht für die Entwicklung des Volks ist.


"Vielleicht könnte man noch alle Unzuträglichkeiten unserer klassischen Bildung hinnehmen, selbst wenn sie nur Entwurzelte und Unzufriedene heranbildete, wenn nur der oberflächliche Erwerb so vieler Kenntnisse und das lückenlose Hersagen so vieler Lehrbücher die Voraussetzungen der Intelligenz heben würde. Ist das aber wirklich der Fall? Ach nein! Urteil, Erfahrung, Tatkraft und Charakter sind die Bedingungen des Erfolges im Leben, sie sind nicht aus Büchern zu lernen. Bücher sind nützliche Nachschlagewerke, aber es ist durchaus unnütz, lange Teilstücke daraus im Kopf aufzuspeichern."


Was mich dennoch enttäuscht hat, ist die Tatsache, dass obwohl er - wie im Vorwort erwähnt - versucht hat, das schwierige Problem der Massen in streng wissenschaftlicher Weise zu behandeln, also methodisch und unbekümmert um Meinungen, Theorien und Doktrinen (vgl. S. 15), ständig Wörter verwendet die sicherlich auch schon damals, sowie heute eine sehr negative Konnotation haben und immer wieder seine persönliche, recht pessimistischen, politischen Meinungen durchblicken lässt.

Beispielsweise schreibt er:


"Hätte die Demokratie in der Zeit der Erfindung der mechanischen Webstühle, der Dampfmaschine, der Eisenbahnen, die Macht besessen, über die sie heute verfügt, so wäre die Verwirklichung dieser Erfindungen unmöglich gewesen. Es ist ein Glück für den Fortschritt der Kultur, dass die Übermacht der Massen erst dann geboren wurde , als die großen Entdeckungen der Wissenschaft und der Industrie vollendet waren."


Zur Information: das Buch erschien 1895. Und heute wissen wir, dass die großen Entdeckungen der Wissenschaft und Industrie zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht vollendet waren und dass diese ebenfalls während der Demokratie gemacht wurden.


Le Bon benennt demokratische und soziale Ideen als "armselige Irrtümer".


"[...] [d]ie einzelnen, die [der Masse] angehören, [bewahren] ihre Eigenart, und daher kann auch eine Versammlung vorzügliche, sachgemäße Gesetze ausarbeiten. Allerdings sind diese Gesetze von einem Fachmann im stillen Hinterzimmer entworfen, und das angenommene Gesetz ist in Wahrheit das Werk eines einzelnen." (S. 184)

Obwohl Le Bon die Demokratie ganz offensichtlich ablehnt, räum er ein, dass die Parlamentsversammlungen die beste Regierungsform sei, die die Völker bisher gefunden haben, um sich vor allem möglichst vor persönlicher Tyrannei zu schützen.


Es ist allgemein bekannt, dass auch Hitler von diesem Buch inspiriert wurde und während des Lesens macht sich dies eindeutig bemerkbar:

"Da die Masse nur durch übermäßige Empfindungen erregt wird, muss der Redner, der sie hinreißen will, starke Ausdrücke gebrauchen. Zu den gewöhnlichen Beweismitteln der Redner in Volksversammlungen gehört Schreien, Beteuern, Wiederholen, und niemals darf er den Versuch machen, einen Beweis zu erbringen."

Sowie:

"Besonders wirkt man auf den einzelnen in der Masse, wenn man sich auf die Gefühle für Ruhm und Ehre, Religion und Vaterland beruft."

Es liest sich in dieser Hinsicht wie sein Handbuch.

"Der einzelne kann Widerspruch und Auseinandersetzung anerkennen, die Masse duldet sie niemals."

Das Buch ist sicherlich sehr wertvoll für jene, die etwas über die Führung von Massen lernen wollen. Allerdings ist es kein Buch für jedermann, denn man sollte bereits ein geübter Leser mit einiger Ausdauer sein, um sich durch die wissenschaftlichen Erklärungen zu kämpfen.

Trotz meiner Kritik, hat mir außer des Halbleinenumschlags sehr gefallen, wie der Autor die wichtigsten Erkenntnisse prägnant zusammengefasst hat.


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