Jetzt tut es gleich ein bisschen weh

Adam Kay

★★☆☆☆

Die geheimen Tagebücher eines Assistenzarztes


Also gleich mal vorne weg: wenn du eine Frau bist, Finger weg von diesem Buch!


Ich weiß nicht genau aus welchem Grund, aber der Autor und die Lektoren haben es anscheinend bewusst unterlassen, weder auf dem Cover noch auf der Inhaltszusammenfassung auf dem Buchrücken zu erwähnen, dass sich Adam Kay in seiner Laufbahn als Arzt dazu entschieden hat, Gynäkologe zu werden und sein Glück in der Geburtshilfe zu versuchen. Nun wird dem ein oder anderen Leser dieser Rezension offenbar klarer, warum ich die Warnung am Anfang der Rezension ausgesprochen habe.


Folglich gestaltete sich der Inhalt des Buch anders, als ich es erwartet hatte. Vielleicht bin ich ein Sensibelchen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ich die einzige bin, der sich bei den Ausführungen Kays der Magen umgedreht hat - ich hätte sie lieber nicht gelesen.

Dieses Buch ist mehr oder weniger der Versuch dieses Arztes, seine eigenen traumatischen Erfahrungen zu verarbeiten und auf die Schwachstellen im medizinischen System hinzuweisen.

Dies geschieht in seinem Fall unter Anwendung sarkastischer Bemerkungen und einer Prise Ironie, die das Ganze wohl lustig machen sollen - leider weit gefehlt.

Denn - auch wenn es vielleicht daran liegt, dass ich nicht ganz so viel mit britischem Humor anfangen kann - nichts kommt mir an der Lektüre dieses Buches lustig vor, es ist viel mehr unendlich traurig, was dieser Arzt erfahren hat. Ich möchte nicht in seiner Haut stecken.

97- Stunden-Wochen, ein Tsunami an Körperflüssigkeiten, Entscheidungen auf Leben und Tod und ein Gehalt, gegen das jede Parkuhr zu den Besserverdienern gehört.

Adam Kay berichtet über die Überstunden, die dort als normal angesehen werden, die wirklich viel zu niedrige Bezahlung, dem fehlenden Lob und fehlender Menschlichkeit, sowie praktisch nicht vorhandenem Verständnis für die Arbeit, die Ärzte und Ärztinnen tagtäglich leisten.


Und obwohl mir das Buch nicht gefallen hat, jagt es doch jeder Frau, die in ihrem Leben gerne noch ein Kind bekommen möchte, höllische Schrecken ein, muss ich zugeben: der Autor hat sein Ziel mit diesem Buch erreicht!

Bestimmt ist nicht nur mir zum ersten Mal bewusst geworden, wie fordernd ein Job im Gesundheitsbereich ist und er hat die konkreten Mängel des Systems aufzeigen können und sich am Ende des Buches direkt an den Gesundheitsminister gewandt.


Ich konnte an den vielen Situationen, sowie seinen eigenen Reaktionen darauf, die er geschildert hat, erkennen, warum ich den Autor auch für seinen Job für ungeeignet befand. Das mag vielleicht daran liegen, dass er ein Mann ist oder aber an den sarkastischen Bemerkungen, aber es wurde ziemlich deutlich, dass er selbst immer im Fokus seiner eigenen Aufmerksamkeit steht und ihm nicht annähernd klar war, wie sich die Frauen fühlten, die er behandelt hat. So etwas weiß man wahrscheinlich nur als Frau, weshalb ich schon immer fand, dass Männer für diesen Job nicht geeignet sind.


In dem Buch finden sich vielleicht ein paar witzige Stellen - und das auch nur wenn man so sadistisch ist, dass man das Leid anderer genießt - aber die Erzählungen über Fehl- oder Totgeburten, sowie andere schlimme Verletzungen setzten mir ganz schön zu, denn ich beschäftige mich eben nicht tagtäglich mit solchen Dingen und gehe mal davon aus, dass es die meisten anderen Leser auch nicht tun. Nachdem ich das Buch zu Ende gelesen habe, war ich schon den Tränen nahe und habe es verflucht, dass ich dieses Buch überhaupt erst gelesen habe.

Aber eine gute Seite hat das Ganze trotzdem: ich bin wahnsinnig dankbar dafür, dass meine eigene Entbindung recht gut verlief und mein Kind gesund und putzmunter ist.


In der Danksagung hab ich doch tatsächlich von einer Jess gelesen, die Herrn Kay bei dem Verfassen dieses Buchs behilflich war und daher das Ganze oft durchlesen musste, obwohl sie schwanger war! Mir ist unbegreiflich, wie sie

  1. das seelisch geschafft hat, bei diesen grausamen Schilderungen und

  2. wie zum Donnerwetter kann es sein, dass sie das Ganze so abgesegnet hat?!?!?!?!?!

Hm, naja, ich rate euch jedenfalls von der Lektüre ab.

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